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Die Katholischen Krankenhäuser - Unverzichtbar menschlich

Ausgabe 7 / 5. Dezember 2025

„Wollten kein fertiges Konzept mitbringen“

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Was als Begegnung mit einem HIV-Patienten in Münster begann, wuchs in Berlin zu einem Modell kirchlicher Verantwortung. Der Hospizdienst Tauwerk zeigt, wie franziskanische Haltung und moderne Hospizarbeit zusammenfinden.

„Wenn Menschen Angst vor einem christlichen Krankenhaus haben, stimmt etwas nicht.“ Es ist einer jener Sätze von Sr. Hannelore, die den Kern ihrer Arbeit beschreiben. Im Gespräch erinnert sich die Franziskanerin an die späten 1980er und beginnenden 1990er Jahre – eine Zeit, in der HIV und Aids noch als gesellschaftliches Tabu galten.

„Ein Patient sagte damals bei seiner Einlieferung: ‚Ich wäre nie in ein katholisches Krankenhaus gegangen, schon gar nicht mit so vielen Nonnen – wenn ich noch zur Uniklinik hätte können.‘“ Der Rettungswagen hatte ihn ins Franziskus-Hospital Münster gebracht, direkt neben dem Mutterhaus der Mauritzer Franziskanerinnen. „Nach zehn Tagen auf der Station sagte er: ‚Ich habe hier ein anderes Gesicht von Kirche kennengelernt.‘ Sechs Wochen später erhielten wir seine Todesnachricht.“

Diese Begegnung ließ Sr. Hannelore und ihre Mitschwester Juvenalis nicht los. „Wir fragten uns: Wie kann es sein, dass Menschen so viel Angst vor einem kirchlichen Krankenhaus haben? Und was müssen wir tun, damit sich das ändert?“ Aus dieser Frage wurde ein Auftrag.

Sie gingen dorthin, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wurde.

Die beiden Franziskanerinnen beschlossen, sich aktiv in der Versorgung von Menschen mit HIV und Aids zu engagieren. „Wenn Franz von Assisi zu den Ausgegrenzten seiner Zeit ging, können wir uns nicht zurücklehnen“, sagt Sr. Hannelore. Nach kurzer Abstimmung mit der Ordensleitung – vom Antrag bis zur Zustimmung vergingen nur sechs Wochen – stand fest: Sie würden dorthin gehen, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wurde.

Berlin gehörte zu den Regionen, in denen sich das Thema HIV und Aids früh in besonderer Dringlichkeit zeigte – gesellschaftlich wie medizinisch. 1992 zogen die Schwestern dorthin, arbeiteten zunächst auf HIV-Schwerpunktstationen, später in ambulanten Pflegeteams. „Da, wo Menschen dem Lebensende nahe waren, fehlte oft Zeit und Personal“, erinnert sie sich. 1997 gründeten sie den ambulanten Hospizdienst Tauwerk, benannt nach dem franziskanischen Segenszeichen Tau, das Franz von Assisi als Symbol des Segens und des Beistands verwendete. „In dem Namen darf ruhig mitschwingen, woher wir kommen – ohne dass er Menschen abschreckt, die mit Kirche Schwierigkeiten haben“, sagt Sr. Hannelore.

Der Dienst wuchs zu einer kleinen, stabilen Struktur heran: etwa 30 Ehrenamtliche, zwei Hauptamtliche, regelmäßige Schulungen und Begleitung. Ziel war, Menschen mit HIV oder Aids in ihrer letzten Lebensphase beizustehen – ohne Vorbehalte. „Wir kamen nicht mit einem fertigen Konzept, sondern wollten verstehen, wo Lücken sind und wie wir helfen können“, sagt Sr. Hannelore.

Innerhalb weniger Jahre wurde Tauwerk fester Bestandteil des Berliner Hilfenetzes.

Zunächst stießen die Ordensfrauen auf Misstrauen. „Was wollen die Schwestern hier?“ – diese Frage hörten sie häufig. „Die katholische Kirche hatte in dieser Zeit kein gutes Image“, erinnert sich Sr. Hannelore. „Damals kursierte die Formel ‚Aids ist eine Strafe Gottes‘. Das hat jeder mitbekommen, ob er mit Kirche zu tun hatte oder nicht.“

Der Perspektivwechsel kam durch Erfahrung: „Als die Menschen merkten, dass wir nicht missionieren, sondern zuhören, hat sich das Vertrauen aufgebaut.“ Innerhalb weniger Jahre wurde Tauwerk fester Bestandteil des Berliner Hilfenetzes. Und mit Pullover statt Ordenstracht sowie Mietwohnung statt abgeschlossenem Konvent lebten die Schwestern einen Auftritt ohne Barrieren.

Auch kirchlich fand das Engagement Unterstützung. „Wir sind in unserer Ordensgemeinschaft und im Erzbistum auf offene Türen gestoßen“, betont sie. Der Dienst arbeitete eng mit der Caritas zusammen – zunächst informell, später strukturell.

Nach 28 Jahren stellte sich die Frage nach der Zukunft. „Viele Ehrenamtliche waren von Anfang an dabei – und entsprechend älter geworden“, sagt Sr. Hannelore. Zugleich sei es schwieriger geworden, neue Freiwillige langfristig zu binden. Die Konsequenz: Eine Integration in eine größere Struktur.

Seit Juli 2025 gehört Tauwerk zum ambulanten Hospizdienst der Caritas Berlin. Rund 20 Ehrenamtliche wechselten mit. „Damit bleibt die Arbeit gesichert, auch wenn die organisatorische Hülle sich geändert hat“, sagt sie. Der Verein Tauwerk e. V. wird abgewickelt – die Arbeit geht weiter, eingebettet in ein Netzwerk mit vier Hauptamtlichen und über 100 Ehrenamtlichen.

„Wenn ich meinen Glauben ernst nehme, kann ich nicht sagen: Das sollen andere tun.“

Für Sr. Hannelore liegt der Kern der Hospizarbeit in der Haltung, nicht in der Struktur. „Es geht um Zuwendung ohne Bewertung“, sagt sie. Die Arbeit mit HIV-Patient:innen habe gezeigt, dass professionelle Pflege allein nicht genügt. „Viele Menschen litten und leiden nicht nur an der Krankheit, sondern an Ausgrenzung.“


Hospizarbeit bedeute deshalb, das Ganze zu sehen: medizinisch, sozial, spirituell. „Wenn ich meinen Glauben ernst nehme, kann ich nicht sagen: Das sollen andere tun.“ Dass gerade kirchliche Träger früh Verantwortung übernommen haben, sieht sie als Ausdruck dieses Verständnisses. „Die Hospizbewegung hat in Deutschland stark durch kirchliche Einrichtungen an Fahrt gewonnen. Nicht, weil man dazu verpflichtet war, sondern weil das Menschenbild es verlangt hat.“

Tauwerk steht exemplarisch für einen wichtigen Impuls: Strukturen schaffen, in denen Menschlichkeit Vorrang hat. „Wir wollten kein Konkurrenzunternehmen aufbauen, sondern Lücken schließen“, fasst Sr. Hannelore zusammen. „Die Struktur kann sich dabei ändern“, sagt sie zum Abschied, „aber der Geist muss bleiben.“

Schwester Hannelore ist gleichzeitig Kuratoriumsmitglied der St. Franziskus-Stiftung Münster. Sie trägt mit dafür Sorge, dass die franziskanischen Werte in den Einrichtungen der Stiftung immer neu mit Leben gefüllt werden.

Fotos: St. Franziskus-Stiftung Münster

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