Ausgabe 7 / 5. Dezember 2025
Wertebasiert führen trotz wirtschaftlichem Druck
Wie gelingt eine christlich geprägte Krankenhausführung unter wirtschaftlich fordernden Bedingungen? Ein Gespräch mit Susanne Minten, Geschäftsführerin der KERN und Vize-Vorsitzende der AcU.
Frau Minten, freigemeinnützige Krankenhäuser arbeiten ohne kommunale Absicherung und ohne Investor im Hintergrund. Wie prägt dieser strukturelle Rahmen Ihr unternehmerisches Handeln – auch mit Blick auf Ihre Arbeit in der Arbeitsgemeinschaft caritativer Unternehmen (AcU)?
Wir spüren sehr deutlich, dass wir ausschließlich mit den Mitteln auskommen müssen, die das Finanzierungssystem uns zugesteht. Anders als kommunale Häuser können wir keine Defizite über Haushaltsmittel ausgleichen. Und anders als private Träger verfügen wir nicht über einen Investor oder Konzernstrukturen, die Risiken abfedern.
Diese Rahmenbedingungen zwingen uns zu einer sehr engen, vorausschauenden Steuerung des Krankenhausbetriebs: konsequentes Monitoring, klare Kennzahlen, regelmäßige Gespräche mit Geschäftsführungen und Chefärzt:innen sowie Formate, in denen wir medizinische Führungskräfte über Ziele und Entwicklungen informieren.

„Entscheidungen müssen für die Menschen in unseren Einrichtungen tragfähig bleiben.“
Wie gelingt vor diesem Hintergrund eine Balance zwischen wirtschaftlicher Stabilität und einer wertegeleiteten Ausrichtung?
Dieses Spannungsfeld begleitet uns tatsächlich jeden Tag. Wir müssen wirtschaftlich verantwortungsvoll handeln, aber immer mit dem Anspruch, Entscheidungen so zu treffen, dass sie für die Menschen in unseren Einrichtungen tragfähig bleiben. Für mich heißt das, dass wir uns als christlich und wertegebunden verstehen, und zwar nicht ausschließlich im konfessionellen Sinne, sondern als Haltung.
In einem Verbund mit sehr unterschiedlichen Mitarbeitenden und Patient:innen geht es um Offenheit, Respekt und darum, Menschen in ihrer Vielfalt ernst zu nehmen. Diese Grundausrichtung prägt unser Selbstverständnis und auch die Art, wie wir Themen aufgreifen. Das unterstützen wir durch unseren Leitbildprozess, die Arbeit des Albertus-Magnus-Instituts und auch durch die sehr präsente Rolle unseres Aufsichtsratsvorsitzenden Propst Markus Pottbäcker.
Und wie schaffen Sie es, Werte tatsächlich in Führung und Organisationskultur zu verankern?
Werte müssen im Alltag erlebbar sein. Deshalb arbeiten wir in der Führungskräfteentwicklung praxisnah: durch Schulungen, gemeinsame Reflexion und Formate, in denen konkrete Situationen besprochen werden. Ein gutes Beispiel war unsere Veranstaltung zu Queerness, bei der Mitarbeitende und Führungskräfte offen über persönliche Erfahrungen gesprochen haben. Solche Begegnungen zeigen, wie wir unsere Werte gemeinsam im täglichen Miteinander umsetzen.
Sie betonen die besondere Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden. Worin drückt sich die in Ihrem Verbund aus?
Wir möchten mehr bieten als ein funktionierendes Arbeitsumfeld. Nehmen wir unsere monatliche Willkommensveranstaltung für neue Mitarbeitende, die begleitet wird von Geschäftsführung, Aufsichtsratsvorsitzendem und zentralen Bereichen, die Werte, Ethik und Personalverwaltung vertreten.
„Es geht nicht um Missionierung, sondern um persönliche Zuwendung und Zugehörigkeit.“
Wir wollen ihnen vermitteln: Du bist nicht nur Arbeitskraft, du bist Mensch. Alle, die mögen, können als kleines Symbol eine Holzkugel an einem Faden mitnehmen, die ein wenig an eine Gebetskette erinnert und symbolisiert: Du bist Teil einer starken, menschlichen Gemeinschaft.

Und wir ermutigen ausdrücklich dazu, sich mit persönlichen Anliegen, früher hätte man Gebetsanliegen gesagt, an unsere Ordensgemeinschaft zu wenden. Das wird überraschend häufig genutzt. Es geht nicht um Missionierung, sondern um persönliche Zuwendung und Zugehörigkeit.
Und wenn es hart auf hart kommt? Wie ist es Ihnen gelungen, im Fusionsprozess Ihres Verbundes der vergangenen Jahre Kolleg:innen einzubinden und gleichzeitig unternehmerisch zu handeln?
Grundsätzlich gehen wir nicht mit einer starren Konzernlogik vor. Veränderungen brauchen Orientierung, aber auch Raum für individuelle Lösungen. Wir versuchen, Prozesse so zu gestalten, dass die Besonderheiten von Teams und Abteilungen berücksichtigt werden. Das ist oft anstrengender und dauert länger. Aber es entspricht unserem Anspruch, Menschen ernst zu nehmen. Und es zahlt sich aus: Akzeptanz entsteht nicht durch Verordnungen, sondern durch Beteiligung.
„Profitieren von juristischer Expertise, Einschätzungen zu tarifrechtlichen Entwicklungen und fachlichem Austausch auf Augenhöhe.“
Welchen konkreten Mehrwert bietet Ihnen die AcU?
Die AcU ist eine Plattform, auf der Führungskräfte vertrauensvoll und offen über aktuelle Herausforderungen sprechen können, die man anderswo nicht kennt bzw. teilt. Wir profitieren von juristischer Expertise, von Einschätzungen zu tarifrechtlichen Entwicklungen und von einem fachlichen Austausch auf Augenhöhe. Vor allem aber ermöglicht die AcU, dass freie Träger, sowohl große Verbünde als auch einzelne Einrichtungen, eine gemeinsame Stimme entwickeln, die gehört wird. In einem Umfeld, das politisch und finanziell immer komplexer wird, ist das besonders wertvoll.
Der Dritte Weg als Basis für die Arbeitsbeziehungen in kirchlichen Einrichtungen wird immer wieder diskutiert. Welche Vorteile und Grenzen sehen Sie und welche Veränderungen wünschen Sie sich?
Der größte Vorteil des Dritten Weges ist für mich der verpflichtende Dialog. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite müssen im Gespräch bleiben und können nicht einfach in eine Eskalation oder einen Arbeitskampf gehen. Das führt nicht immer zu Ergebnissen, die alle gleichermaßen begeistern, aber es zwingt zu einem Miteinander, das ich für sehr wertvoll halte. Bislang hat das auch zuverlässig dazu geführt, dass wir zu tragfähigen Lösungen gekommen sind.
Gleichzeitig gibt es Punkte, an denen das Modell aktuell an Grenzen stößt. Die Trägerlandschaft ist sehr unterschiedlich und das macht tarifliche Weiterentwicklungen manchmal anspruchsvoll. Einrichtungen, die stark im Wettbewerb stehen, haben andere Rahmenbedingungen als solche, die eher verbandlich geprägt sind. Für die Zukunft wünsche ich mir deshalb eine Weiterentwicklung, die diese verschiedenen Realitäten noch stärker berücksichtigt – ohne den Kern des Modells infrage zu stellen. Der Dialog bleibt für mich das zentrale Element des Dritten Weges, und genau darauf sollten wir weiter aufbauen.
Kritisch beleuchtet wird der Einsatz von Servicegesellschaften. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?
Persönlich fällt mir das nicht leicht. Hier tragen Menschen mit ohnehin geringem Einkommen große Belastungen. Das widerspricht meinem sozialen Empfinden. Gleichzeitig sehe ich die betriebswirtschaftliche Realität: Ohne Servicegesellschaften hätten wir entweder massive Zusatzkosten oder eine vollständige Auslagerung an externe Anbieter, bei denen wir keinerlei Einfluss auf die Arbeitsbedingungen hätten. Diese Fragen beschäftigen uns auch in der AcU intensiv, weil viele caritative Unternehmen ähnliche Spannungsfelder erleben.
Die aktuelle Lösung ist nicht ideal, aber sie hält Gestaltungsspielräume offen. Das ist für mich ein ehrlicher Umgang mit einem ungelösten Zielkonflikt.
Zum Schluss gefragt: Was bedeutet für Sie persönlich Führung in einem christlichen Gesundheitsunternehmen?
Für mich heißt Führung, Verantwortung zu übernehmen – aber in einer Grundhaltung der Bescheidenheit. Nicht ich als Geschäftsführerin stehe im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die in unseren Häusern arbeiten und die Patient:innen versorgen. Gute Führung heißt, ihnen gute Bedingungen zu schaffen, ihnen zuzuhören und den Auftrag unseres Unternehmens ernst zu nehmen. Wenn uns das gelingt, dann bleibt unsere christliche Prägung kein Etikett, sondern wird im Alltag spürbar.
Susanne Minten ist Geschäftsführerin der KERN Katholische Einrichtungen Ruhrgebiet Nord, einem Leistungsverbund für Medizin, Pflege und Pädagogik mit rund 7.500 Fachkräften an rund vierzig Standorten. Darüber hinaus engagiert sie sich als stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft caritativer Unternehmen (AcU).
Fotos: KERN