Ausgabe 9 / 6. August 2026
Versorgung braucht Verantwortung vor Ort
Krankenhausreform, Notfallversorgung und Rettungsdienst dürfen nicht getrennt gedacht werden. Der Cloppenburger Landrat Johann Wimberg erläutert, warum regionale Verantwortung, Kooperationen und eine verlässliche Finanzierung entscheidend sind.
Herr Wimberg, wie bewerten Sie die Notfallversorgung im Landkreis Cloppenburg? Wo liegen Stärken, wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Die Beschäftigten des Rettungsdienstes leisten tagtäglich eine notfallmedizinische Versorgung auf sehr hohem Niveau. Sie können aufgrund der erweiterten Kompetenzen des Notfallsanitätergesetzes bereits vor Eintreffen eines Notarztes lebensrettende Maßnahmen einleiten. Zusätzlich ist seit Anfang des Jahres flächendeckend im Landkreis Telenotfallmedizin verfügbar. Die Verzahnung mit Feuerwehren und Katastrophenschutz sichert eine schnelle, verlässliche und ortsnahe Hilfe.

Ergänzt wird dies durch qualifizierte First-Responder-Strukturen, digitale Ersthelfersysteme (CorHelper) sowie innovative Ansätze wie das Akut-Einsatzfahrzeug, das Rettungswagen bei weniger zeitkritischen Einsätzen entlastet.
Viele Einsätze sind eigentlich Fälle für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder den Hausarzt
Wir sehen allerdings Handlungsbedarf durch die veränderten Strukturen in der Krankenhauslandschaft und durch immer weiter steigende Einsatzzahlen, durch die das Gesamtsystem an seine Grenzen gerät. Viele Einsätze sind eigentlich Fälle für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder den Hausarzt, landen aber dennoch im Rettungsdienst, weil den Bürgerinnen und Bürgern oft die Orientierung im Gesundheitssystem fehlt.
Die Vernetzung von 112, also Rettungsdienst, und 116117, ärztlicher Bereitschaftsdienst, ist Kern der bundesweiten Notfallreform und dringend erforderlich. Ziel ist es, Anrufer über digitale Schnittstellen direkt an die richtige medizinische Versorgungsebene weiterzuleiten, um so Ressourcen zu schonen.
Welche besonderen Herausforderungen bringt die Notfallversorgung in einer ländlich geprägten Region mit sich?
Wir spüren im ländlichen Raum die fortschreitende Veränderung in der Krankenhauslandschaft sowie den zunehmenden Hausärztemangel besonders intensiv. Wenn Kliniken Abteilungen schließen oder Bereitschaftsdienstpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) zusammengelegt werden, führt dies zwangsläufig zu längeren Transportwegen: Ein Rettungswagen, der einen Patienten in eine spezialisierte, weiter entfernte Klinik transportieren muss, steht für diese Zeit nicht für Folgeeinsätze im eigenen Bereich zur Verfügung. Zudem führt die dünner werdende ambulante Struktur dazu, dass immer mehr Menschen bei gesundheitlichen Problemen mangels greifbarer Alternativen die 112 wählen, obwohl sie eigentlich ein Fall für den Hausarzt wären.
Sind Krankenhaus- und Notfallreform aus Ihrer Sicht ausreichend aufeinander abgestimmt? Welche Folgen hätte es, wenn sie es nicht wären?
Wenn im Zuge der Krankenhausreform stationäre Angebote an einzelnen Klinikstandorten konzentriert oder spezialisiert werden, führt dies zwangsläufig dazu, dass Notfallpatient:innen über weitere Strecken transportiert werden müssen. Wenn zeitgleich die Notfallreform die Strukturen in den Notaufnahmen neu ordnet, ohne diese veränderten Fahrtwege und Transportzeiten abzufangen, bekommt der Rettungsdienst vor Ort massive Probleme.
Reformen dürfen im ländlichen Raum nicht isoliert voneinander betrachtet werden
Reformen dürfen im ländlichen Raum nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Die Krankenhausplanung und die Struktur des Rettungsdienstes vor Ort müssen Hand in Hand gehen. Nur so können wir sicherstellen, dass die Wege zur nächsten Notfallversorgung für die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Cloppenburg auch in Zukunft kurz und verlässlich bleiben.
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit benachbarten Landkreisen und Krankenhäusern für eine verlässliche Notfallversorgung?
Eine enge Zusammenarbeit mit den benachbarten Landkreisen und Krankenhäusern gehört zum Alltag, unter anderem mit dem zukunftsweisenden Projekt des Akut-Einsatzfahrzeugs. Sowohl im Regelbetrieb als auch bei größeren Schadenslagen unterstützen wir uns gegenseitig mit rettungsdienstlichen Ressourcen.
Wie gelingt es, kommunale Verantwortung und die Interessen kirchlicher Träger im Sinne einer regionalen Gesundheitsversorgung zusammenzuführen?
Die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem Landkreis Cloppenburg als Minderheitsgesellschafter und den kirchlichen Trägern basiert auf dem gemeinsamen Ziel, langfristig die bestmögliche medizinische und pflegerische Versorgung der Menschen im gesamten Landkreis Cloppenburg sicherzustellen.
Unser Kooperationsmodell bietet den Vorteil, dass der Landkreis Cloppenburg politische und finanzielle Mitverantwortung übernimmt, ohne die operative Verantwortung allein tragen zu müssen. Dies schützt den kommunalen Haushalt vor unkalkulierbaren Risiken.
Kein lokales Trägermodell kann die strukturellen Defizite des bundesweiten Finanzierungssystems dauerhaft allein kompensieren
Die wirtschaftliche Tragfähigkeit lässt sich heute nur noch durch Spezialisierungen, engere Kooperationen und gemeinsame Netzwerke sichern. Diese Prozesse können wir im engen Schulterschluss mit den erfahrenen kirchlichen Partnern wesentlich schneller und zielgerichteter gestalten, als dies im Alleingang möglich wäre.
Klar ist jedoch auch, dass kein lokales Trägermodell die strukturellen Defizite des bundesweiten Finanzierungssystems dauerhaft allein kompensieren kann. Wir fordern daher weiterhin eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung. Eine zunehmende Verlagerung der Kosten des Gesundheitswesens auf die kommunale Ebene ist verantwortungslos, weil es die Probleme nicht löst, sondern nur auf eine Ebene verschiebt, die bereits massiv finanziell angeschlagen ist.
Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Landkreise und Krankenhäuser die Notfallversorgung langfristig verlässlich organisieren können? Wo wünschen Sie sich mehr Handlungsspielraum?
Wichtigste Grundlage ist eine bundesweit auskömmliche Finanzierung der Krankenhaus- und Notfallversorgung. Die Kommunen dürfen dabei nicht durch den Bund zum finanziellen Lückenbüßer für die Krankenkassen werden.
Die Kommunen dürfen nicht durch den Bund zum finanziellen Lückenbüßer für die Krankenkassen werden
Für eine zukunftsfähige Planung wäre es sehr hilfreich, durch das Land klare Zielsetzungen für Niedersachsen geliefert zu bekommen, in denen wir uns als Landkreis bewegen können, um auch zukünftig bestmöglich für die Menschen aufgestellt zu sein. Eine enge Absprache des Landes und der Landkreise ist hier unerlässlich und wird von den Landkreisen dringend gefordert.
Überwiegt bei Ihnen derzeit Zuversicht oder Skepsis – und warum?
Der Landkreis Cloppenburg ist als Gesellschafter bei zwei Krankenhäusern quasi notgedrungen aber freiwillig eingestiegen, um ihre Existenz und damit die medizinische Versorgung der Menschen im Landkreis zu sichern. Die Krankenhausreform des Bundes löst die akuten finanziellen Probleme der Kliniken bislang nicht, sondern erhöht den wirtschaftlichen Druck weiter. Sie sind für die Kliniken im ländlichen Raum eine enorme Belastung. Deshalb überwiegt derzeit leider eine realistische Skepsis.
Zuversichtlich stimmt uns aber, dass wir als Landkreis die Initiative ergreifen und den Prozess der engeren Verzahnung beider Häuser sowie aller Gesundheitsstandorte aktiv moderieren, um die Versorgungssicherheit im Landkreis Cloppenburg dauerhaft zu garantieren.
Johann Wimberg ist Landrat des Landkreises Cloppenburg. Der Landkreis hat 2025 das St. Josefs-Hospital in Cloppenburg sowie das St. Marien-Hospital in Friesoythe mit Millionenbeträgen gestützt und ist in beide Einrichtungen mit je 25,1 Prozent eingestiegen.
Portraitfoto: Landkreis Cloppenburg
Beitragsfoto: St. Josefs-Hospital Cloppenburg