Ausgabe 9 / 6. August 2026
Reformen müssen vor Ort funktionieren
Die Notfallversorgung braucht klare Strukturen, regionale Gestaltungsspielräume und wirtschaftlich handlungsfähige Krankenhäuser. JoHo-Geschäftsführer Martin Bosch erklärt, warum Reformen nur gelingen, wenn Politik und Praxis konsequent zusammengedacht werden.
Die Bundesregierung will die Notfallversorgung grundlegend neu ordnen. Geht die Reform aus Ihrer Sicht in die richtige Richtung, Herr Bosch?
Ja, grundsätzlich schon. Die Reform greift zentrale Schwächen des heutigen Systems auf. Noch immer orientiert sich die Notfallversorgung stark an den Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Für Patient:innen sind diese Zuständigkeiten jedoch oft kaum nachvollziehbar. Wer gesundheitliche Beschwerden hat, sucht verständlicherweise den Ort auf, an dem schnelle Hilfe erwartet wird – häufig das Krankenhaus.
Für Patient:innen sind Zuständigkeiten oft kaum nachvollziehbar
Hinzu kommt: Viele Menschen mit internationaler Biografie kennen aus ihren Herkunftsländern einfacher organisierte Versorgungssysteme mit einer zentralen Anlaufstelle, von der aus sie in die richtige Behandlung weitergeleitet werden. Das Nebeneinander unterschiedlicher Zuständigkeiten in Deutschland ist für sie häufig schwer verständlich.
Genau hier setzt die Reform an: Sie will die Versorgung besser steuern und Patient:innen schneller an das passende Versorgungsangebot führen. Das ist der richtige Ansatz. Entscheidend wird nun sein, die neuen Strukturen so auszugestalten, dass sie in der Praxis funktionieren und den unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten gerecht werden.
Wie müsste die Notfallversorgung denn organisiert sein, damit Patient:innen künftig schneller den richtigen Weg in die Versorgung finden?
Entscheidend ist, dass Patient:innen erkennen können, wohin sie sich mit ihren Beschwerden wenden müssen. Das gelingt nur, wenn das Versorgungssystem transparent aufgebaut ist. Denkbar sind unterschiedliche Modelle, etwa klar erkennbare Anlaufstellen, eine stärkere hausärztliche Steuerung oder digitale Ersteinschätzungen.
Entscheidend ist, dass alle Beteiligten miteinander verbunden sind
Wichtig ist, dass ein:e Patient:in möglichst früh in das System eintritt und von dort aus in die passende Versorgung weitergeleitet wird. Offensichtliche Notfälle gehören selbstverständlich zum Rettungsdienst. Alle anderen sollten so gesteuert werden, dass sie schnell an der richtigen Stelle ankommen. Eine verlässliche Ersteinschätzung kann dabei an unterschiedlichen Stellen erfolgen – im Rettungsdienst, in einer Arztpraxis, im Krankenhaus und perspektivisch auch digital.
Entscheidend ist nicht, welches Instrument oder welcher Akteur die Steuerung übernimmt, sondern dass alle Beteiligten miteinander verbunden sind und Patient:innen nachvollziehbar in die richtige Versorgung gelangen. Davon profitieren nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die Rettungsdienste, die heute vielfach mit Fällen belastet werden, die ambulant versorgt werden könnten. Das muss als Gesamtsystem ineinandergreifen.

Welche Rolle haben die Krankenhäuser in einem besser gesteuerten Notfallsystem? Und wo liegen ihre Grenzen?
Krankenhäuser bleiben ein unverzichtbarer Bestandteil der Notfallversorgung. Sie müssen jederzeit für die Patient:innen da sein, die tatsächlich eine stationäre oder notfallmedizinische Versorgung benötigen. Aber sie sind dann nicht mehr automatisch die ersten Anlaufpunkte für jede gesundheitliche Beschwerde.
Wenn die Ersteinschätzung bereits vorher zuverlässig erfolgt und alle Beteiligten gut miteinander vernetzt sind, kommen die Patient:innen schneller an die richtige Stelle. Das entlastet die Notaufnahmen, ohne ihre zentrale Funktion für Notfälle zu verändern. Krankenhäuser übernehmen dann genau die Fälle, für die sie personell und technisch ausgestattet sind.
Welche Vorgaben sollte der Bund machen – und wo brauchen die Länder und Regionen Gestaltungsspielräume?
Wir brauchen flexible, pragmatische und regionale Lösungen. Wir sind als katholische Träger in aller Regel regionale Versorger, auch die großen Verbünde haben immer ihre Versorgungscluster, ihre Versorgungsregionen, in denen aus Sicht der Patient:innen gedacht wird und nicht nur aus Sicht des Systems.
Wir brauchen flexible, pragmatische und regionale Lösungen
Das heißt, dass der Bund vor allem die grundsätzlichen Spielregeln festlegen sollte. Alles Weitere muss sich an den regionalen Versorgungsstrukturen orientieren. Die unterscheiden sich erheblich: Es gibt Hausarztpraxen im Wohngebiet, Facharztzentren, Praxen am Krankenhaus oder ganz andere Versorgungsformen. Deshalb lässt sich kein bundesweit einheitliches Modell über alle Regionen legen.
Das zeigt sich schon in der Krankenhausplanung: Nordrhein-Westfalen arbeitet mit Planungsbezirken, Niedersachsen mit Versorgungsgebieten, Bayern mit Bezirken, andere Länder wiederum mit Regionen. Genau dort sollte auch die Notfallversorgung geplant werden. Die Länder kennen diese Strukturen und sollten auf dieser Grundlage entscheiden können, welche Lösungen vor Ort am besten funktionieren.
Krankenhaus- und Notfallreform sollen ineinandergreifen. Wo sehen Sie dabei noch Abstimmungsbedarf?
Die mit der Krankenhausreform verbundene Abstufung der Versorgung ist grundsätzlich eine gute Idee. Diese Rollen müssen aber mit der Notfallversorgung zusammenpassen. Es ist nicht sinnvoll, dass ein Integriertes Notfallzentrum (INZ) zwingend immer an einem Krankenhaus mit umfassender Notfallversorgung angesiedelt sein muss. Zumal viele Patient:innen ja dank INZ gar nicht in ein Krankenhaus weitergeleitet werden sollen.
Nicht allein die Versorgungsstufe sollte über den Standort eines INZ entscheiden
Und was mache ich zum Beispiel in einer Stadt, in der die Uniklinik vor den Toren der Stadt liegt? Ein städtischer Zusatzversorger kann für ein Integriertes Notfallzentrum besser geeignet sein als ein Maximalversorger, wenn er für die Menschen leichter erreichbar ist und kleinere Notfälle gut behandeln kann. Der Maximalversorger kann seine Kapazitäten dann stärker auf die schwereren Fälle konzentrieren.
Deshalb sollte nicht allein die Versorgungsstufe über den Standort eines INZ entscheiden. Die regionalen Leistungserbringer im Krankenhausbereich kennen ihre Versorgungsstrukturen am besten und können beurteilen, welche Lösung vor Ort funktioniert.
Das deutsche Gesundheitswesen gilt als stark reguliert und von vielen Akteuren geprägt. Was müsste sich ändern, damit Reformen künftig pragmatischer umgesetzt werden können?
Wir arbeiten in einem über Jahrzehnte gewachsenen System mit vielen Akteuren und Interessen. Das hat gute Gründe, macht Veränderungen aber oft unnötig kompliziert. Jeder vertritt zunächst seinen eigenen Verantwortungsbereich. Dadurch entstehen Bürokratie und langwierige Abstimmungsprozesse, obwohl vor Ort häufig längst klar ist, welche Lösungen praktikabel wären.
Es braucht mehr Pragmatismus und die Bereitschaft, Innovationen gemeinsam zu ermöglichen
Aus meiner Sicht brauchen wir deshalb mehr Pragmatismus und die Bereitschaft, Innovationen gemeinsam zu ermöglichen. Die Selbstverwaltung sollte solche Lösungen eigentlich hervorbringen. Dass der Gemeinsame Bundesausschuss heute eine so starke Rolle einnimmt, zeigt aus meiner Sicht auch, dass dieses Zusammenspiel nicht immer so funktioniert, wie es ursprünglich gedacht war.
Als katholische Krankenhausträger erleben wir täglich, wie wichtig flexible und regionale Lösungen für die Versorgung der Patient:innen sind. Genau diesen Gestaltungsspielraum sollte die Politik stärker ermöglichen.
Viele Krankenhäuser stehen wirtschaftlich unter erheblichem Druck. Welche Folgen hat das für die Umsetzung der Krankenhaus- und Notfallreform?
Die wirtschaftliche Situation bindet derzeit enorme Kräfte. Viele Krankenhäuser müssen sich vor allem mit den Anforderungen des Beitragsstabilisierungsgesetzes und kurzfristigen Sparmaßnahmen beschäftigen. Dafür werden Managementkapazitäten gebraucht, die eigentlich in die Vorbereitung der Krankenhaus- und Notfallreform fließen müssten. Das konterkariert die eigentlichen Reformziele.
Ohne Planungssicherheit wird es schwierig
Gleichzeitig brauchen die Krankenhäuser endlich wieder Verlässlichkeit. Es lässt sich heute oft keine belastbare Fünfjahresplanung mehr aufstellen. Ohne diese Planungssicherheit wird es schwierig, Investitionen zu finanzieren oder überhaupt noch Kredite zu erhalten. Wer aber nicht weiß, unter welchen Rahmenbedingungen er in wenigen Jahren arbeitet, kann notwendige Strukturveränderungen kaum seriös vorbereiten.
Deshalb brauchen wir neben einer auskömmlichen Finanzierung vor allem verlässliche Perspektiven, damit die Häuser die Reform gestalten können, statt nur auf die nächste wirtschaftliche Herausforderung zu reagieren.
Martin Bosch ist Geschäftsführer des St. Josefs-Hospital Verbunds mit Kliniken in Wiesbaden, Bad Schwalbach und Rüdesheim sowie Vorstandsmitglied des Katholischen Krankenhausverbands.