Ausgabe 9 / 6. August 2026
Neuordnung zeigt Grenzen auf
Die Notfallversorgung der St. Vincenz-Kliniken am Standort Salzkotten wurde neu organisiert. Geschäftsführer Markus Funk erläutert, wie das gelungen ist und welche politischen Rahmenbedingungen regionale Versorgungsnetzwerke benötigen.
Versorgung am Bedarf ausrichten
Ausgangspunkt für die Neuorganisation der Notfallversorgung am Standort Salzkotten war die Frage, wie sich die vorhandenen personellen und medizinischen Ressourcen so einsetzen lassen, dass sie dem tatsächlichen Versorgungsbedarf der Bevölkerung bestmöglich entsprechen. Unsere Analysen hatten gezeigt, dass täglich nur rund 25 Patient:innen die Zentrale Notaufnahme in Salzkotten aufsuchten, während an unserem Krankenhaus in Paderborn bis zu 200 Patient:innen versorgt wurden.
Gleichzeitig erfordert eine Zentrale Notaufnahme unabhängig von der tatsächlichen Patient:innenzahl erhebliche personelle, diagnostische und organisatorische Vorhaltungen. Ein erheblicher Teil der Patient:innen im St. Josefs-Krankenhaus benötigte nach der medizinischen Abklärung keine stationäre Krankenhausbehandlung. Viele dieser Behandlungsanlässe können daher grundsätzlich auch in geeigneten ambulanten Versorgungsstrukturen aufgefangen werden.
Daraufhin haben wir ein differenziertes Versorgungskonzept entwickelt. Die stationäre Notfallversorgung für die Leistungsbereiche des Krankenhauses in Salzkotten – darunter auch Geburtshilfe, Innere Medizin und Orthopädie – blieb rund um die Uhr erhalten.

Nähe allein schafft keine Sicherheit
Für lebensbedrohliche Notfälle änderte sich wenig. Patient:innen mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder schweren Schädel-Hirn-Verletzungen waren bereits zuvor regelhaft mit dem Rettungsdienst in die spezialisierten Zentren nach Paderborn gebracht worden. Sie hätten in Salzkotten nicht leitliniengerecht versorgt werden können, weil die dafür notwendige Infrastruktur – etwa Herzkatheterlabor oder Stroke Unit – nicht vorhanden war.
Für die Qualität ist die personelle und technische Ausstattung entscheidend
Allein dies zeigt, dass die bloße räumliche Nähe eines Krankenhauses heute deutlich weniger über die Qualität der Notfallversorgung aussagt als noch vor einigen Jahren. Das Gefühl „Ich habe ein Krankenhaus vor Ort“ vermittelt Menschen verständlicherweise Sicherheit. Für die Qualität der Notfallversorgung ist jedoch entscheidend, ob am jeweiligen Standort die für das Krankheitsbild erforderliche personelle und technische Ausstattung vorhanden ist.
Am Standort wurde ein internistisch-gastroenterologisches Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) eingerichtet, das einen Großteil der ambulanten Behandlungsfälle übernimmt.
Veränderung braucht Transparenz
Warum hat unser Umbau funktioniert? Politisch war ein entscheidender Faktor aus meiner Sicht die Art der Vorbereitung. Wir haben unsere Versorgungsanalysen offen kommuniziert und alle wichtigen Akteure sehr frühzeitig eingebunden – vom Bürgermeister über den Rettungsdienst bis zu niedergelassenen Ärzt:innen. Die Sorgen der Bevölkerung haben wir ernst genommen und kritische Bürger:innen zum Gespräch eingeladen. Dabei haben wir transparent erläutert, warum die bisherigen Strukturen den tatsächlichen Versorgungsbedarfen nicht mehr entsprachen. Auch wenn Bürger:innen unsere Entscheidung nicht guthießen, konnten sie diese aber nachvollziehen. Das hat wesentlich dazu beigetragen, dass die befürchtete große Protestwelle ausgeblieben ist.
Sind Veränderungen verständlich erklärt, werden sie auch angenommen.
Dieses Verständnis zeigte sich anschließend auch im Alltag. Nach unseren Erfahrungen haben sich die Menschen insgesamt gut auf die neuen Strukturen eingestellt. Entscheidend war, dass nachvollziehbar vermittelt wurde, welche Anlaufstelle in welcher Situation die richtige ist. Solche Veränderungen brauchen Zeit, weil viele Versorgungswege über Jahre eingeübt sind. Sind sie jedoch verständlich erklärt, werden sie auch angenommen.
Die Veränderungen wurden eng mit dem Rettungsdienst abgestimmt. Nach den uns vorliegenden Rückmeldungen war eine grundsätzliche Ausweitung der Fahrzeugvorhaltung infolge der Neuorganisation nicht erforderlich. Durch die erheblich weiter entwickelte präklinische Notfallmedizin erreichen schwer erkrankte Patient:innen spezialisierte Kliniken heute häufig bereits stabilisiert. Das zeigt, dass die Qualität der Notfallversorgung heute weniger von der bloßen räumlichen Nähe eines Krankenhauses abhängt, als von gut abgestimmten Versorgungsstrukturen.
Gesetze bremsen Versorgungsnetzwerke
Die Neuorganisation in Salzkotten hat zugleich die Grenzen des heutigen Gesundheitssystems aufgezeigt.
Unser Ziel war es, die ambulante Versorgung durch ein chirurgisches MVZ zu ergänzen und damit auch einen Teil der bislang über die Notfallstrukturen versorgten Patientinnen und Patienten weiterhin wohnortnah aufzufangen. Dieses Vorhaben ließ sich im Rahmen des vertragsärztlichen Zulassungsverfahrens jedoch nicht realisieren.
Der gesetzliche Rahmen unterstützt Versorgungsnetzwerke nur unzureichend.
Daran zeigt sich ein grundsätzliches Problem. Seit Jahren besteht gesundheitspolitisch Einigkeit darüber, die Versorgung stärker in regionalen Netzwerken zu organisieren. Nicht mehr jedes Krankenhaus muss jede Leistung selbst vorhalten. Entscheidend ist vielmehr, dass Patient:innen innerhalb einer Region arbeitsteilig, qualitätsgesichert und ohne Versorgungsbrüche behandelt werden können.
Der gesetzliche Rahmen unterstützt solche Versorgungsnetzwerke bislang jedoch nur unzureichend. Ambulante und stationäre Versorgung werden weiterhin in getrennten Sektoren mit unterschiedlichen Zuständigkeiten, Finanzierungswegen und Selbstverwaltungsstrukturen organisiert. Diese bestehenden Systemgrenzen führen dazu, dass sektorspezifische Zuständigkeiten und Finanzierungslogiken häufig stärker wirken als das gemeinsame regionale Versorgungsinteresse.
Deshalb muss die Gesundheitspolitik einen Rahmen schaffen: Erst wenn ambulante und stationäre Versorgung sektorenübergreifend geplant werden kann und gemeinsam Verantwortung übernommen wird, lässt sich das Potenzial regionaler Versorgungsnetzwerke vollständig nutzen.
Fachkräftemangel verändert die Versorgung
Die Diskussion über die Krankenhausreform berücksichtigt dabei ein zentrales Problem noch immer nicht ausreichend: den zunehmenden Mangel an qualifizierten Fachkräften. Die Medizin wird immer spezialisierter, und damit steigen auch die personellen Anforderungen an die Notfallversorgung. Für bestimmte Versorgungsstufen sind heute Ärzt:innen mit Zusatzqualifikationen vorgeschrieben, die vielerorts schlicht nicht zur Verfügung stehen. Das ist keine Frage des politischen Willens oder der Finanzierung, sondern der personellen Realität.
Kleine Standorte verlieren dadurch zusätzlich an Attraktivität
Viele Ärzt:innen erwarten heute zudem, ihr Fachgebiet in seiner ganzen Breite ausüben und sich weiter spezialisieren zu können. Kleine Standorte verlieren dadurch zusätzlich an Attraktivität. Deshalb müssen die vorhandenen Fachkräfte dort eingesetzt werden, wo sie ihre Kompetenz am wirksamsten einbringen können. Das spricht für eine stärkere Konzentration spezialisierter Leistungen in leistungsfähigen Zentren aber eben auch für neue Versorgungsangebote in der Fläche.
Reform braucht neue Rahmenbedingungen
Der grundsätzliche Weg der Krankenhausreform ist richtig. Versorgung muss künftig stärker vernetzt, arbeitsteilig und an den tatsächlichen personellen Möglichkeiten ausgerichtet werden. Gleichzeitig bedarf es tragfähiger ambulanter und digitaler Versorgungsangebote, damit die Menschen auch außerhalb großer Zentren zuverlässig versorgt werden können.
Dafür muss jetzt auch der gesetzliche Rahmen geschaffen werden. Wer regionale Versorgungsnetzwerke politisch will, muss Krankenhäusern und ambulanten Leistungserbringern ermöglichen, sektorenübergreifend Verantwortung für die Versorgung zu übernehmen. Erst dann kann die Krankenhausreform ihr Potenzial für eine zukunftsfähige und bedarfsgerechte Versorgung vollständig entfalten.
Markus Funk ist Geschäftsführer der St. Vincenz-Kliniken Salzkotten und Paderborn. Der Verbund versorgt an drei Standorten jährlich über 46.000 Patient:innen stationär sowie zahlreiche weitere ambulant.
Fotos: St. Vincenz-Kliniken Paderborn