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Die Katholischen Krankenhäuser - Unverzichtbar menschlich

Ausgabe 7 / 5. Dezember 2025

Einfach da sein, wenn nichts mehr geht

5 min | Teilen auf

Zwischen Apparaten, Diagnosen und Krisen: Krankenhausseelsorger Markus Bunzel begleitet Patient:innen und Mitarbeitende an der Charité – ruhig, offen und mit Blick fürs Menschliche.

Die Charité ist ein medizinischer Hochleistungsbetrieb – und ein Ort, an dem Menschlichkeit schnell an Grenzen stoßen kann. „Hinter jeder Tür tut sich eine Welt auf“, sagt Markus Bunzel. Er ist Pastoralreferent und katholischer Krankenhausseelsorger am Campus Benjamin Franklin – einem Haus der Maximalversorgung mit rund 900 Betten.

Zwei evangelische Kolleg:innen gibt es hier, er selbst ist der einzige hauptamtliche katholische Vertreter. Unterstützt wird das Team von rund zehn Ehrenamtlichen – eine kleine Einheit in einer großen Organisation.

„Wir stärken uns als Team, auch wenn wir zahlenmäßig für ein großes Haus wenige sind“, sagt er. Und doch gelingt es, präsent zu sein. Denn Seelsorge hat im Haus keinen festen Ort, sondern findet überall dort statt, wo Menschen an ihre Grenzen kommen: auf der Intensivstation, in der Notaufnahme, in Krankenzimmern, in denen gerade eine Diagnose ausgesprochen wurde.

„Ich agiere im System, aber bin nicht Teil davon.“

Bunzel gehört nicht zur Belegschaft des Krankenhauses. Er ist kirchlich beauftragt, nicht vom Klinikum angestellt. Diese Unabhängigkeit beschreibt er als Stärke: „Ich agiere im System, aber bin nicht Teil davon.“ Diese Situation ermöglicht Vertrauen – gerade, weil Patient:innen spüren, dass hinter dem Gespräch kein therapeutischer Auftrag und kein organisatorischer Druck steht.

Gerade diese Außenposition macht Seelsorge zu einem stabilisierenden Faktor im Klinikalltag. Sie kann Mitarbeitende in Ausnahmesituationen entlasten und Gesprächsräume schaffen, die im Routinebetrieb oft keinen Platz finden. In einem medizinischen Hochleistungsbetrieb sind diese Räume auch für das Personal unverzichtbar.

Seelsorge gibt Mitarbeitenden Möglichkeit, über Belastungen zu sprechen

Ärzt:innen und Pflegekräfte erleben täglich Grenzerfahrungen, in denen professionelle Distanz und Mitgefühl schwer vereinbar sind. Seelsorge bietet ihnen die Möglichkeit, über Belastungen zu sprechen – vertraulich, jenseits hierarchischer Strukturen. So wirkt sie präventiv gegen Überforderung und moralische Erschöpfung. In der psychosozialen Architektur des Krankenhauses ist sie damit ein stilles, aber tragfähiges Element.

Bunzels Kontakte zu Patient:innen entstehen auf vielen Wegen: über Pflegekräfte, Ärzt:innen, den Palliativdienst oder Angehörige. Manche rufen direkt an. Andere Begegnungen ergeben sich spontan, wenn er Zeit findet, von Station zu Station zu gehen. Er nennt das „Initiativbesuche“ – eine Art seelsorgliche Visite.

Oft geht es dann nicht um Religion, sondern um Nähe. „Die Frage ‚Wie geht’s Ihnen?‘ ist gar nicht so trivial, wenn man sie ernsthaft stellt“, sagt er. Aus dieser scheinbar einfachen Frage entsteht manchmal ein Gespräch, das tiefer reicht als jedes diagnostische Gespräch.

„Wenn ich bei einem Katholiken lande, ist das eine Überraschung“

Berlin ist säkular. Evangelische und katholische Kirche sind zwar die größten Religionsgemeinschaften, doch nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung sind katholisch, rund elf Prozent evangelisch. „Wenn ich bei einem Katholiken lande, ist das eine Überraschung“, sagt Bunzel und lacht.

In dieser Umgebung hat Seelsorge einen weiten Horizont. Sie richtet sich an alle, unabhängig von Konfession oder Glaubenspraxis. „Wo dein Herz ist, da ist dein Gott“, formuliert er als Leitsatz. Es geht um das, was Menschen trägt – nicht um Dogmen. Viele Gespräche drehen sich um Beziehungen, Verluste, Lebensmut. In ihnen zeigt sich, dass Spiritualität auch dort eine Rolle spielt, wo Religion längst keine Sprache mehr hat.

„Hinter der Tür kann sich alles abspielen –
Freude, Verzweiflung, Abschied.“

Bevor er ein Krankenzimmer betritt, hält Bunzel kurz inne. „Ich muss mir klar werden, in welchem Modus ich bin“, sagt er. „Hinter der Tür kann sich alles abspielen – Freude, Verzweiflung, Abschied.“ Denn jede Begegnung verlangt eine andere Form von Präsenz. Dann entscheidet er, ob das Setting passt: ob Privatsphäre möglich ist, ob Pflegekräfte Raum lassen, ob die Situation überhaupt eine Begegnung zulässt.

Wenn das gelingt, entsteht ein kleiner, geschützter Raum – manchmal markiert durch einen einfachen Satz: „Nehmen Sie sich doch einen Stuhl.“ Diese Einladung verändert die Atmosphäre. Aus Distanz wird Gespräch, aus Routine Zuwendung.

„Da, wo es mir richtig schlecht ging, da waren Sie da“ – solche Rückmeldungen hört Bunzel oft. Für ihn sind sie Bestätigung und Auftrag zugleich: präsent zu sein, auch wenn es keine Lösung gibt. Er nennt das „Mit-Aushalten“.

„Hier in der Klinik sind Menschen in einer existenziellen Krise.
Und da kommt es darauf an, einfach da zu sein.“

Die Krankenhausseelsorge steht im Spannungsfeld zwischen spiritueller Erfahrung und professioneller Begleitung. Bunzel unterscheidet sich von Psycholog:innen oder Sozialarbeiter:innen durch den Grund, aus dem er da ist. „Ohne meinen Glauben könnte ich meinen Job nicht machen“, sagt er.
Seelsorge verfolgt keine klinische Zielgröße, sie hat keine Erfolgskennzahl. Sie wirkt durch Beziehung und Resonanz. „Hier in der Klinik sind Menschen in einer existenziellen Krise. Und da kommt es darauf an, einfach da zu sein“, erklärt Bunzel.

Diese Haltung erfordert auch Selbstdisziplin. Wer täglich mit Leid, Tod und Hoffnung konfrontiert ist, braucht Distanz und Klarheit – und zugleich das Vertrauen, dass das eigene Tun trägt. „Ich sehe mich als jemand, der Brücken baut“, sagt er, „zwischen System und Mensch, zwischen Klinik und Kirche, manchmal einfach zwischen einem Menschen und seinem eigenen Mut.“

In einem Haus, das rund um die Uhr funktioniert, wo Apparate summen und Bildschirme flackern, wirkt Seelsorge für manche anachronistisch. Und doch ist sie Teil der Versorgung – nicht im technischen, sondern im menschlichen Sinn. Markus Bunzel zeigt, dass sie dort besonders sichtbar wird, wo sie aufhört, etwas zu wollen. Sie begleitet, hört zu, hält aus. Und sie erinnert daran, dass im Krankenhaus nicht nur Körper behandelt werden, sondern Menschen.

Fotos: istock/South_agency; privat (Portrait)

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