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Die Katholischen Krankenhäuser - Unverzichtbar menschlich

Ausgabe 8 / 27. März 2026

Bürokratieabbau: eine politische Leerformel?

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Erst wenn Vorschriften gestrichen, Meldewege gebündelt und Dokumentationspflichten reduziert werden, sinkt die Belastung in den Kliniken. Peter Pfeiffer, Geschäftsführer des Elisabeth Vinzenz Verbunds, fordert im Interview einen grundlegenden Kurswechsel.

Herr Pfeiffer, die schwarz-rote Koalition im Bund hat den Abbau von Bürokratie zu einem ihrer wesentlichen Ziele erklärt, auch im Gesundheitswesen. Was halten Sie davon und was kommt in der Praxis davon an?

Der Anspruch ist richtig – aber in der Realität sehen wir bislang das Gegenteil. Die Bürokratie im Krankenhaus nimmt seit Jahren zu. Jede Reform bringt neue Nachweispflichten, zusätzliche Meldesysteme und weitere Prüfverfahren. Für die Mitarbeiter unserer Einrichtungen bedeutet das: immer mehr Zeit für Dokumentation und entsprechend weniger Zeit für Patienten. Das ist auch angesichts des Fachkräftemangels schlichtweg nicht verantwortbar.

Was wir derzeit erleben, ist ein politisches Paradox: Bürokratieabbau wird angekündigt, während gleichzeitig neue Berichtspflichten entstehen. Wenn sich daran nichts ändert, wird der Begriff Bürokratieabbau zu einer politischen Leerformel.

„Erst wird ein möglicher Fehler unterstellt,
und das Krankenhaus muss nachweisen, dass alles korrekt war.“

Die Krankenhäuser beklagen im Zusammenhang mit Bürokratie ein implizites Misstrauen gegenüber Krankenhäusern. Wie erleben Sie das und wie lässt sich Kontrolle so gestalten, dass sie sinnvoll wirkt, ohne Versorgung zu dominieren?

Das Misstrauen ist real – und es prägt inzwischen viele Regulierungsmechanismen im Krankenhausbereich. Die Prüfarchitektur folgt häufig der Logik: Erst einmal wird ein möglicher Fehler unterstellt, und das Krankenhaus muss anschließend nachweisen, dass alles korrekt war.

Hinzu kommt eine Vielzahl paralleler Prüfverfahren. Für identische Sachverhalte werden teilweise mehrere Nachweise verlangt – mit unterschiedlichen Systematiken und Fristen. Das hat mit intelligenter Qualitätssicherung wenig zu tun.

Kontrolle ist selbstverständlich notwendig. Aber sie muss verhältnismäßig sein. Ein System, das Krankenhäuser permanent mit Detailprüfungen überzieht, erzeugt vor allem Bürokratie – und keine bessere Patientenversorgung.

Was wir brauchen, ist eine stärkere Bündelung von Prüfverfahren, längere Prüfintervalle für unauffällige Einrichtungen und eine stärkere Orientierung an Ergebnissen statt an immer neuen Prozessnachweisen. Auch sollten überwiegend Routinedaten aus der regulären Behandlungsdokumentation verwendet werden und gesonderte Dokumentationspflichten weitgehend entfallen.

An welchen Beispielen aus der Praxis zeigt sich besonders plastisch, wie bürokratische Anforderungen im Alltag unverhältnismäßig Zeit und Ressourcen binden?

Das sichtbarste Beispiel ist die Dokumentationslast im Alltag der medizinischen Berufe. Ärzte und Pflegekräfte verbringen inzwischen drei bis vier Stunden pro Tag mit administrativen Tätigkeiten.

„Pflegekräfte sollen zunehmend ihre Arbeit erklären, statt sie zu tun.“

Ein besonders absurdes Beispiel sind neue Nachweispflichten im Pflegebereich, bei denen minutiös dokumentiert werden soll, welche Tätigkeiten unmittelbar der Patientenversorgung zuzuordnen sind. Pflegekräfte sollen also zunehmend ihre Arbeit erklären, statt sie zu tun.

Hinzu kommen zahlreiche parallele Berichtssysteme zu Personal, Qualität und Strukturmerkmalen. Häufig müssen identische Daten mehrfach in unterschiedlichen Formaten gemeldet werden.

Das Ergebnis ist ein System, in dem hochqualifizierte Fachkräfte, die sich für eine Arbeit am Menschen entschieden haben, einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Bürokratie verbringen – und eben nicht am Patienten.

“ Das Grundproblem ist strukturell: Statt vorhandene Routinedaten zu nutzen, werden immer neue Meldepflichten geschaffen.“

Wo erleben Sie besonders häufig Mehrfachdokumentationen. Und wie sähe ein pragmatischer und zügig gangbarer Weg aus, diese zu vermeiden?

Mehrfachdokumentationen entstehen vor allem dort, wo unterschiedliche Regelwerke dieselben Daten verlangen. Personaldaten, Qualitätsdaten oder Falldaten werden häufig parallel für verschiedene Berichtssysteme erhoben – mit jeweils eigenen Definitionen und Meldewegen.

Das Grundproblem ist strukturell: Statt vorhandene Routinedaten zu nutzen, werden immer neue Meldepflichten geschaffen.

Der pragmatische Weg wäre eigentlich einfach: Die Daten einmal erfassen und anschließend mehrfach nutzen. Die notwendigen Informationen liegen in den Krankenhausinformationssystemen längst vor. Solange aber jedes neue Gesetz sein eigenes Berichtssystem schafft, wird sich diese Bürokratiespirale weiterdrehen.

Welche Strategien verfolgen Sie als bundesweit agierender Verbund, um die ausufernden Bürokratieanforderungen zu stemmen?

Wir sind nicht bundesweit, sondern in fünf Bundesländern vertreten und fassen unsere Einrichtungen in drei Regionen zusammen. Hier versuchen wir, die Bürokratie zumindest intern so effizient wie möglich zu organisieren. Dazu gehört beispielsweise seit diesem Jahr die Bündelung von IT-Strukturen in einer gemeinsamen Serviceeinheit für unsere Häuser.

„Das eigentliche Problem lässt sich auf Unternehmensebene nicht lösen.“

Aber man muss ehrlich sagen: Das eigentliche Problem lässt sich auf Unternehmensebene nicht lösen. Die Bürokratie entsteht überwiegend durch gesetzliche Regelungen und Vorgaben der Selbstverwaltung.

Deshalb engagieren wir uns auch politisch und in Fachverbänden für strukturelle Veränderungen. Denn wenn wir ernsthaft wollen, dass Ärzte und Pflegekräfte wieder mehr Zeit für ihre Patienten haben, dann müssen wir die regulatorische Logik grundlegend überdenken.

Welche zusätzliche Bürokratielast erwarten Sie durch die bundesweite Krankenhausreform und das Anpassungsgesetz? Wo wären Abstriche aus Ihrer Sicht besonders sinnvoll?

Die Krankenhausreform erzeugt neue Bürokratie. Wir sehen bereits zusätzliche Dokumentationspflichten bei Strukturmerkmalen, Leistungsgruppen oder Personalausstattung. Wenn jede dieser Anforderungen wieder eigene Berichtssysteme erzeugt, wird das System weiter aufgebläht. Sinnvoll wäre deshalb ein konsequenter Grundsatz: Jede neue Nachweispflicht muss mit der Abschaffung einer bestehenden Pflicht verbunden werden.

Bürokratieabbau funktioniert nur, wenn Politik den Mut hat, tatsächlich Regeln zu streichen – und nicht nur neue Regeln zu schaffen. Ansonsten steigen die Kosten politisch induziert weiter, ohne dass für die uns anvertrauten Patienten ein Nutzen entsteht.

„Bürokratieabbau ist dann gelungen, wenn unsere Mitarbeiter
wieder mehr Zeit für die Menschen haben, die ihnen anvertraut sind.“

Woran würden Sie in einem Jahr erkennen, dass Bürokratieabbau im Krankenhausbereich tatsächlich beginnt und nicht nur politisch angekündigt wurde?

Ganz einfach: wenn Vorschriften wegfallen. Wenn Meldewege zusammengeführt werden, Dokumentationspflichten reduziert werden und Prüfverfahren vereinfacht werden. Wenn also nicht nur neue Prüfaufträge entstehen, sondern tatsächlich Regelungen gestrichen werden.

Für uns als katholischer Träger ist der Maßstab sehr klar: Bürokratieabbau ist dann gelungen, wenn unsere Mitarbeiter wieder mehr Zeit für die Menschen haben, die ihnen anvertraut sind.

Peter Pfeiffer ist Geschäftsführer des Elisabeth Vinzenz Verbund (EVV) und Vorstandsmitglied des Katholischen Krankenhausverbands. Dem EVV gehören elf Krankenhäuser in fünf Bundesländern mit etwa 3.500 Klinikbetten und über 10.000 Beschäftigten an.

Fotos: Elisabeth Vinzenz Verbund

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